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Brutale Niederschlagung dieser ehemals beliebtesten Qigong-Schule

20.09.2017

Falun Gong ist eine spirituelle Praxis, deren Hauptmerkmale sowohl aus fünf meditativen Qigong-Übungen als auch aus Lehren, die an buddhistische und taoistische Traditionen erinnern, besteht. Die Lehre von Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Toleranz (auf chinesisch Zhen-Shan-Ren) steht dabei im Mittelpunkt.

Die Anhänger führen die Übungen durch, studieren spirituelle Texte und versuchen, diesen Werten, von denen angenommen wird, dass sie im Einklang mit der geistigen Natur des Universums stehen, in ihrem täglichen Leben zu entsprechen. Sie gehen davon aus, dass dies zu einer besseren körperlichen Gesundheit, geistigem Wohlbefinden und spiritueller Erleuchtung führt. Während Falun Gong einige spirituelle Eigenschaften einer Religion aufweist, ist es dennoch locker organisiert. Es gibt weder einen professionellen Klerus, spezielle Orte der Anbetung noch eine formale Mitgliedschaft oder ein Spendensystem.

Während der ersten Hälfte der 90er Jahre genossen Falun Gong, seine Praktizierenden und sein Gründer Li Hongzhi erhebliche staatliche Unterstützung und eine positive Berichterstattung in den staatlichen Medien. Li stellte die Praxis der Öffentlichkeit in China 1992 vor. Die nächsten zwei Jahre reiste er unter der Schirmherrschaft des staatlichen Qigong-Vereins durch das Land, hielt Vorträge und unterrichtete die fünf Falun-Gong-Übungen. Die staatlichen Medienberichte aus dieser Zeit lobten die Vorteile der Falun-Gong-Praxis und stellten Anhänger vor, die „Preise als gesunde Bürger“ erhielten. In einer Veranstaltung, die heute unvorstellbar wäre, hielt Li auf Einladung der Regierung bei der chinesischen Botschaft in Paris 1995 einen Vortrag.

Nachdem Li seine formale Vortragsreihe abgeschlossen hatte, verbreitete sich die Praxis durch Mundpropaganda, und durch ein informelles Netzwerk von ortsansässigen Ehrenamtlichen, die die Übungen lehrten und Ausgaben der spirituellen Texte mit Freunden teilten und an öffentlichen Übungsstandorten weitergaben. Chinesen aus allen Schichten der Gesellschaft - Ärzte, Landwirte, Arbeiter, Soldaten, Intellektuelle und Mitglieder der Kommunistischen Partei - begannen die Praxis zu lernen. Obwohl sich Falun-Gong-Lernende in Gruppen versammelten, um Übungen zu machen, sahen viele die Disziplin vielmehr als ihr persönliches, und nicht als ein kollektives Bestreben an, ihr körperliches und geistiges Wohlbefinden zu verbessern. Es hat keine Anzeichen für eine politische Agenda oder sogar Kritik an der KPCh gegeben, wie sie heute in der Falun-Gong-Literatur, Jahre nachdem die Verfolgung begonnen hat, dargestellt wird. Nach Angaben von Regierungsquellen und internationalen Medienberichten gab es 1999 mindestens 70 Millionen Praktizierende; Falun-Gong-Vertreter behaupteten, dass die Gemeinschaft die Anzahl von 100 Millionen erreicht habe.

Im Juli 1999 wurde die spirituelle Disziplin plötzlich verboten. Prominente Anhänger wurden verhaftet. Wer trotzdem dabei blieb, wurde als Staatsfeind verfolgt. Berichte kamen in Umlauf, denen zufolge Falun-Gong-Gläubige entführt, gefoltert und sogar getötet wurden. Der Name der Praxis, der Name des Gründers und viele Homonyme wurden mit zu einigen der am meisten zensierten Begriffe im chinesischen Internet. Jede Erwähnung in staatlichen Medien oder von chinesischen Diplomaten wurde unweigerlich zu einer dämonischendämonisierenden Sprache verzerrt.

Was war schief gelaufen?

Die dramatische Kehrtwende der KPCh gegenüber Falun Gong war ungewöhnlich, auch im Rahmen der restriktiven religiösen Politik der Partei. Beobachter dachten folglich darüber nach, warum es so passiert war, und ob es hätte vermieden werden können.

Die KPCh zeigt in der Regel eine geringe Toleranz gegenüber Gruppen, die eine spirituelle Autorität über die Parteitreue stellen. Doch weisen Gelehrte, Augenzeugen und andere kenntnisreiche Beobachter auf eine Konstellation von Prozessen und Faktoren hin, die für Falun Gong typisch sind, und die wahrscheinlich zu dem besonders harten Vorgehen gegen diese Gruppe beigetragen haben:

Beliebtheit: Mit über 70 Millionen Anhängern überstieg Falun Gong die Zahl der KPCh-Mitglieder von 63 Millionen im Jahr 1999, und stellte die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft in China nach dem chinesischen Buddhismus dar.

Ideologischer Wettbewerb: Weil Falun Gong die Werte Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Toleranz als Teil seiner spirituellen Weltanschauung betont, scheint die Bewegung den Zorn der Partei auf sich gezogen zu haben. Sie geriet mit den Prinzipien der marxistischen Ideologie und der Legitimität der KPCh-Herrschaft, wie dem Materialismus, dem politischen Kampf und dem Nationalismus in Konflikt. Falun Gong bot wirklich eine alternative moralische Ausrichtung an, und seine Verbreitung wurde als eine grundlegende Herausforderung für die Autorität der Partei angesehen.

Infiltration“ der Staatspartei: Falun Gong wurde in Teilen des Staatsparteiapparates, der für die Aufrechterhaltung der KPCh-Herrschaft von entscheidender Bedeutung ist, populär. Das umfasste auch das Militär, Kräfte der inneren Sicherheit, staatliche Medien und das Kontrollkomitee, das für die Einhaltung der Parteidisziplin sorgt. Befürchtungen, dass die Falun-Gong-Anhänger die Prinzipien der spirituellen Disziplin über die Loyalität gegenüber der KPCh-Führung stellen könnten schienen offensichtlich um sich zu greifen.

Unabhängiges zivilgesellschaftliches Netzwerk: Die KPCh bemüht sich seit langem darum, unabhängige zivilgesellschaftliche Organisationen und andere Formen von kollektiven Aktivitäten zu vereinnahmen und zu unterdrücken. Die Partei versuchte Mitte der 1990er Jahre alle Qigong-Gruppen noch stärker unter ihre Kontrolle zu bringen. Im Jahr 1996 forderte die staatliche Qigong-Vereinigung, mit der Falun Gong verbunden war, die Gründung von Parteiniederlassungen unter den Anhängern der Praxis und versuchte, von den Falun-Gong-Lehren zu profitieren. Li Hongzhi entschied, sich von dem Verein zu trennen, damit Falun Gong eine individuelle Praxis ohne formale Mitgliedschaft und ohne Beiträge bleiben konnte. Falun Gong verbreitete sich weiter über ein lockeres Netzwerk von Meditationsstätten und freiwilligen Koordinatoren im ganzen Land.

Eine Zeit der eskalierenden Unterdrückung: Von 1996 bis 1999 hatten viele Mitglieder der Staatspartei immer noch positive Ansichten über Falun Gong und hoben öffentlich seine Vorteile für Gesundheit und sogar soziale Stabilität hervor. Aber einige Spitzenkader begannen es als Bedrohung anzusehen, was immer wieder zu Unterdrückungsaktionen führte. Die staatlichen Printmedien stoppten 1996 die Veröffentlichung von Falun-Gong-Büchern. Anträge auf Registrierung bei verschiedenen Regierungsorganisationen wurden abgelehnt. Artikel, die sporadisch in staatlichen Nachrichten erschienen, verleumdeten Falun Gong. Sicherheitsbeauftragte überwachten Praktizierende und lösten gelegentlich Meditationsveranstaltungen auf.

Beachtenswerter Appell an die Führung: Im April 1999 gipfelten die eskalierenden Schikanen. Mehrere Dutzend Praktizierende in Tianjin wurden verprügelt und verhaftet. Denjenigen, die ihre Freilassung forderten, wurde mitgeteilt, dass die Befehle aus Peking gekommen seien. Am 25. April versammelten sich über 10.000 Anhänger ruhig in Peking vor dem nationalen Petitionsbüro, das an den Zhongnanhai-Regierungsgebäudekomplex angrenzt, um ein Ende der Übergriffe und die Anerkennung ihrer Rechte zu fordern. Einige Beobachter meinten, dass diese nicht zu übersehende öffentliche Demonstration die Parteiführer überraschte und die darauffolgende Niederschlagung auslöste. Allerdings war die Massenpetition selbst eine Antwort auf die wachsende Verfolgung, die von Beamten, die unter zentralem Befehl standen, geleitet wurde - darunter auch der Sicherheitschef Luo Gan. Das deutet darauf hin, dass die Unterdrückung bereits vor dem Vorfall von Teilen des Parteiapparates ausgegangen ist.

Die persönliche Rolle von Jiang Zemin: Damals nahm Zhu Rongji nach der Demonstration am 25. April eine versöhnliche Haltung gegenüber Falun Gong ein. Er traf die Vertreter der Antragsteller und setzte sich für die Freilassung der Anhänger in Tianjin ein, worauf sich die Praktizierenden, die sich in Peking aus eigenen Antrieb versammelt hatten abreisten. Aber Jiang Zemin, damals der KPCh-Generalsekretär und Staatspräsident, überging Zhu und erklärte Falun Gong zu einer ernsthaften Herausforderung für die Autorität des Regimes, „etwas, das es seit der Gründung des Landes vor 50 Jahren noch nicht gegeben hat.“ In einem Rundschreiben vom 7. Juni erließ Jiang die unmissverständliche Anordnung Falun Gong „auszulöschen.“ Die Entscheidung kam ungewöhnlich überstürzt und stand im Widerspruch zu früheren Untersuchungen von inländischen Geheimdiensten, die zu dem Schluss gekommen waren, dass Falun Gong keine Bedrohung darstelle. Einige Experten meinten, dass Jiang von der offensichtlichen Begeisterung für Falun Gong, in einer Zeit, in der er sein eigenes Ansehen in der Öffentlichkeit angeschlagen sah, beunruhigt gewesen sei.

Chinesische Staatsmedien und Beamte gaben ihre eigene Erklärung für die Niederschlagung ab, indem sie suchten, die Kampagne als einen notwendigen Schritt gegen einen angeblich „bösen Kult“ darzustellen, der einen schädlichen Einfluss auf die Gesellschaft habe. Aber solche Behauptungen stehen im Widerspruch zu internen Parteidokumenten und der Tatsache, dass es keine negativen Vorfälle in anderen Ländern, in denen sich Falun Gong verbreitet hat, gibt. Internationale Experten stellten wiederholt fest, dass Falun Gong nicht die Eigenschaften eines Kultes aufweise. Sogar in China erschien das Etikett nur im Parteidiskurs im Oktober 1999, als der Propagandaapparat auf eine manipulierte englische Übersetzung des chinesischen Begriffs xiejiao (auf deutsch böse Sekte) zurückgriff, Monate nachdem die Niederschlagung gestartet wurde. Dies deutet darauf hin, dass der Begriff rückwirkend angewandt worden ist, um eine gewalttätige Kampagne zu rechtfertigen, die internationale und inländische Kritik ausgelöst hatte. David Ownby, ein führender Experte für chinesische Religionen, stellt fest:

Das ganze Problem um die vermeintlich kultische Natur von Falun Gong war von Anfang an ein Täuschungsmanöver, das vom chinesischen Staat geschickt ausgenutzt wurde, um dem guten Ruf von Falun Gong zu schaden, und somit auch der Wirksamkeit der Aktivitäten der Gruppe außerhalb Chinas.“

Sobald Jiang im Rahmen des autoritären politischen Systems Chinas die willkürliche und strittige, rechtswidrige Entscheidung traf, Falun Gong zu verbieten und seinen Willen gegen andere Mitglieder des Ständigen Ausschusses des Politbüros durchzusetzen, gab es nur noch wenige institutionelle oder rechtliche Hindernisse für die kommenden Ereignisse. In den folgenden Monaten schuf Jiang eine spezielle Parteiführungsgruppe mit einer über dem Gesetz stehenden Sicherheitseinheit mit ziviler Ausprägung, um den Kampf zu führen. Gegründet am 10. Juni 1999, wurde sie als Büro 610 bekannt.

Im Juli 1999 begann die Kampagne ernsthaft und die ganze Bandbreite der Unterdrückungsmaßnahmen der KPCh wurde gegen Falun Gong angewendet. Überall konnte man dämonisierende Propaganda hören. Tausende von Menschen wurden eingesperrt und Millionen wurden gezwungen, Dokumente zu unterzeichnen, in denen sie erklärten die Praxis aufzugeben. Zhao Ming, ein ehemaliger Falun Gong-Gewissensgefangener aus Peking, erklärte, dass „die Maschinerie der Verfolgung durch die Partei schon vorhanden gewesen war, aber Jiang den Knopf drückte.“

Falun Gong durfte deshalb bis zu einem gewissen Grad wachsen, weil es in der Grauzone von Qigong operierte. Das war außerhalb des Wirkungsbereichs der breiter angelegten Einschränkungen die organisierten Religionen gegenüber galten. Diese existierten bereits in den 1990er Jahren. Es ist im Grunde durch eine winzige Lücke der ideologischen Verteidigung der KPCh gerutscht. Aus dieser Perspektive mag ein Konflikt zwischen der lose organisierten, geistig unabhängigen spirituellen Gruppe und dem autoritären, atheistischen Regime unvermeidlich gewesen zu sein. Dennoch wäre unter einem anderen hochrangigen Führer die verspätete Antwort der Partei vielleicht nicht so gewalttätig oder tödlich gewesen, oder sie hätte überhaupt nicht stattgefunden.